Geschichte und Trauma

Heute ist bekannt, dass Frauen und Männer der »Kriegskinder-Generation« häufig an immer wiederkehrenden Blockaden, diffusen Ängsten, dem Gefühl der Heimat losigkeit, bleiernen Schuldgefühlen oder depressiven Verstimmungen leiden. Häufig treten diese Symptome erst jetzt, zum Ende ihres Lebens auf. Die Betroffenen selbst können sich oft nicht erklären, wo die Probleme ihren Ursprung haben könnten. An der Universität Greifswald hat der Mediziner Prof. Dr. Philipp Kuwert zur »Kriegskinder­Traumatisierung« und deren Folgen habilitiert. In einem Gespräch erklärt Kuwert, der mittler weile Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Stralsund sowie Gastherausgeber der Zeitschrift »Trauma & Gewalt« ist und einer der engsten wissenschaftlichen Berater des Films war, das Phänomen der »Transgenerationalen Weitergabe« von posttraumatischen Belastungsstörungen.

 

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Herr Prof. Kuwert, wie entsteht ein Trauma?

Ein Trauma ist ein von außen oder auch von innen kommendes Ereignis, das die seelisch leiblichen Bewältigungskapazitäten eines Individuums zu einem bestimmten Zeitpunkt überfordert. Zwei Drittel der Traumatisierten überstehen das Trauma ohne bleibende Folgen. Einem Drittel aber bleibt das Trauma oder wird sogar noch schlimmer. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sprechen wir dann von einer posttraumatischen Belastungs- störung (PTBS).

 

Und was ist das genau?

Die posttraumatischen Belastungsstörung hat vier charakteris- tische Aspekte: (1) eine Übererregung, d.h. die Patienten sind überschreckhaft, was in den ersten Tagen nach dem Trauma auch normal ist, aber was sich bei einer PTBS nicht zurück bildet, sondern chronisch bleibt. (2) Die Betroffenen haben lebhafte Wiedererinnerungen an das traumatische Ereignis. Das Kennzeichnende dieser Wiedererinnerungen ist, dass ihnen das Gefühl der Vergangenheit fehlt. (3) Die Betroffenen versuchen diese Flashbacks zu vermeiden, weil sie natürlich beängstigend sind. Dieses Vermeidungsverhalten ist ein wichtiger Aspekt der Diagnostik: Die Betroffenen versuchen, Schlüsselreize zu vermeiden, die an das Trauma erinnern könnten. Das Problem bei der Vermeidung ist wie immer bei krankhaften Ängsten, dass die Vermeidung eine Tendenz hat, sich auszubreiten. Daraus ergibt sich ein weiteres Symptom, (4): eine Gefühlsbetäubung und eine »Einschränkung der Gefühlsbreite«. Die Betroffenen meiden den Kontakt mit lebhafteren Gefühlen. Sie freuen sich nicht übermäßig, sie versuchen aber auch nicht, in übermäßige Trauer zu geraten, weil die unbewusste Befürchtung, die dahinter steckt, ist, dann wieder in die katastrophalen Gefühle aus jener früheren Situation zu geraten, und das ist nicht aushaltbar. Das engt ihren Gefühlsspielraum deutlich ein.

 

Wie kann sich ein Trauma von der einen auf die andere Generation übertragen?

Der »Krankheitsgewinn« einer PTBS ist, dass Sie unbewusst vermeiden, erneut in die damaligen katastrophalen Gefühle gestürzt zu werden. Der Preis für Sie und Ihre Umgebung ist der eingeschränkte Gefühlsspielraum. Und das ist die wichtigste Schnittstelle in Bezug auf die nachkommende Generation: Für die Spiegelung der beim Baby entstehenden Gefühlskerne muss die Mutter eine breite Möglichkeit haben, Gefühle selbst erleben zu können, aber auch fremde Gefühle spiegeln, also wiedergeben und diese wiederum regulieren zu können. Die Mutter signalisiert dem Kind, das schreit und noch gar nicht so recht weiß, ob und was es überhaupt für ein Gefühl hat, dass das, was das Kind jetzt gerade empfindet, dieses oder jenes Gefühl sein könnte, und gleichzeitig, dass dieses Gefühl das Kind nicht umbringen wird und es bald wieder erträglicher wird. Das ist das gelungene Wechselspiel zwischen Mutter und Kind. Eine Mutter aber, die massiv traumatisiert wurde, kann das so nicht zur Verfügung stellen. Insbesondere kann sie schwer oder gar nicht beruhigen, weil sie sich ja selbst und ihre Affekten nicht beruhigen kann. Ein Säugling wächst also ohne Beruhigung auf und erkennt nur zwei Zustände: der eine ist Lust und der andere ist Unlust, und bei Unlust wird geschrien. Aus- reichend gesunden Eltern gelingt es häufig genug, also sprich in Millionen von Einzelkontakten, die Gefühlsmarkierungs- und Beruhigungsschleife durchzuführen. Dadurch lernt das Kind eine zunehmend breite Gefühlspalette für sich selbst. Zudem entwickelt es das Wissen, dass Gefühle handhabbar, regulierbar sind und, wenn es älter wird, benennbar. Gefühle bleiben nicht endlos lange bestehen, sie gehen wieder. Diese Erfahrungen sind natürlich für Kinder von traumatisierten Eltern nicht so ohne weiteres oder nur eingeschränkt zu machen.

 

Was ist das Verheerende an einem von Menschen verursachten Trauma?

Ein Trauma, das von Menschen verursacht wurde, also interpersonelle Gewalt, ist immer schlimmer als ein technisches Trauma oder eine Naturkatastrophe. Bei interpersoneller Gewalt, die über einen hereinbricht, verunsichert einen nicht nur die unmittelbare Bedrohung. Gleichzeitig stellt diese Bedrohung das gesamte Menschenbild infrage. Wir gehen normalerweise mit einem Gefühl durchs Leben, dass die allermeisten Menschen, die uns begegnen, uns eher wohlgesonnen, jedenfalls berechenbar sind. Dieses Weltbild wird durch ein von Menschen verursachtes Trauma radikal erschüttert. Die höchste Rate von behandlungsbedürftigen posttraumatischen Symptomen verzeichnen wir bei sexueller Gewalt. Die Häufigkeit einer PTBS nach einer Vergewaltigung - und ich meine hier nicht nur Kriegsvergewaltigung - beträgt etwa 50%, gefolgt von Kriegstrauma und Folter. Die ältere deutsche Bevölkerung hat insgesamt eine Häufigkeit von mindestens sieben Prozent klinisch relevanter posttraumatische Symptome. Das ist sehr viel und ist eine noch heute schmerzende Narbe des Zweiten Weltkriegs.

 

Wieso ist es wichtig, sich mit der Kriegstraumatisierung vergangener Generationen zu beschäftigen?

Ich glaube, dass eine Auseinandersetzung mit diesen Mechanismen heute so wichtig ist, weil wir über das Verständnis der älteren Generation auch besser verstehen, was mit uns heute los ist. Zum einen gibt es viele Angehörige meiner Generation, die in den Möglichkeiten ihrer Gefühlsregulation verletzlich sind. Wir können wissenschaftlich jetzt zeigen, dass das viel mit diesem Thema zu tun hat. Zum anderen ist das deutsche Kriegs- trauma ja nicht mal etwas Besonderes. Wenn wir die heutigen Kriegsschauplätze betrachteten, können wir davon ausgehen, dass diese Menschen unter den gleichen Phänomenen leiden. Das Thema Kriegstrauma ist international - und hochgradig relevant zum Verstehen von Nachkriegsgesellschaften, wie beispielsweise Palästina/Israel, oder viele andere mehr.

Zum Trauma- kommt auch noch ein Vermächtnisthema: Die Menschen denken im zunehmenden Alter zurück, bilanzieren. Es ist ja interessant, dass die Kriegstrauma-Diskussion in Deutschland über die sogenannten »Kriegskinder« aufkam. Andere traumatisierte Gruppen des Zweiten Weltkrieges - explizit die Veteranen, aber auch die Frauen - interessierten lange niemanden. Ich denke, dass das damit zusammenhängt, dass wir Deutschen, mit diesem Thema der unerträglichen Schuld, dass der Krieg von uns ausging, uns schwer tun mit dieser Ambivalenz, Menschen als Opfer von Traumatisierung zu untersuchen, die davor selbst partiell zu Tätern wurden. Die deutschen Soldaten kämen so, quasi vermittelt über die Wissenschaft, in einer Opferposition. Da war die Gruppe der »Kriegskinder« lange handhabbarer, weil man bei ihnen nicht in den Verdacht geriet, den Holocaust bagatellisieren zu wol- len. Man kümmerte sich ja »nur« um die, die damals sechs oder zwölf Jahre alt waren, die konnten ja nichts für den Krieg. Durch diese Haltung wurde aus meiner Sicht eine noch rechtzeitige Aufarbeitung zu dem Thema »Psychotrauma bei Veteranen« verhindert. Ausgerechnet meine jüdisch-israelische Kollegin Zahava Solomon hat mich einmal gefragt, warum wir Deutschen nicht auch unsere Soldaten beforscht hätten. Als ich antwortete, dass diese doch auch Täter waren, hat Zahava gesagt: »In the trauma business everbody is the looser«.

Über viele Jahrzehnte gab es in dieser Diskussion bei uns nur Schwarz und nur Weiß, nur Täter und nur Opfer. Und das war auch notwendig. Bei einem sehr versehrten Individuum ist eine solche Art der Schwarz-Weiß-Abwehr eine Überlebens- strategie. Erst wenn man in einer Therapie voranschreitet, kommt man zur Möglichkeit einer sogenannten AmbivalenzToleranz. Und je weniger sich die linke Elite dieser Ambivalenz gestellt hat - vermeintlich weil das irgendwie nicht politisch korrekt gewesen wäre, auch darüber nachzudenken, welche seelischen Versehrungen in Deutschland der Krieg angerichtet hat -, umso mehr instrumentalisieren das jetzt die Rechten.

Ängste vor dem Fremden haben archaischen Charakter. Es wird immer einen Kampf darum geben, auf zu schwierige Projektionen zu verzichten, oder gar das auszuagieren, also andere dafür anzugreifen, dass sie Fremde sind. Das Erlangen reiferer Abwehrmechanismen, also die Fähigkeit, darauf zu verzichten, auf andere Menschen oder Gruppen eigene schwierige Anteile zu projizieren, ist ein sehr zerbrechliches Gut, das immer wieder mühsam erarbeitet werden muss. Wir sind alle immer wieder davon bedroht, auf frühere Abwehrmechanismen zurückzugreifen, um uns selbst damit zu stabilisieren.

 

Warum ist das in Ostdeutschland ein größeres Problem?

Man muss sehen, dass die Ostdeutschen nach der Wende ja nicht in jene soziale Marktwirtschaft gekippt sind, die wir als West-Kinder in den 60ern und 70ern erlebt haben - mit der 35-Stunden-Woche, relativ sicheren Anstellungen und niedriger Arbeitslosigkeiten. Die Ostdeutschen sind nach der Wende direkt in den Neoliberalismus gerutscht, jene durchaus fragwürdige Form des Kapitalismus. Menschen, die äußeren Halt gewohnt waren, hatten auf einmal gar keinen Halt mehr. Die Ostdeutschen mussten in kurzer Zeit eine unglaubliche Anpassungsleistung erbringen. Vor der Wende ging es darum, mög- lichst wenig aufzufallen; auf einmal ging es darum, unbedingt aufzufallen, um Geld zu machen. Vielleicht kann man sich Demmin wie ein Kaleidoskop vorstellen, wo sich bestimmte Dinge verdichten.

Die am stärksten Betroffenen der Ereignisse sind dabei schon lange tot - denn extrem mit posttraumatischen Symptomen Belastete sterben statistisch auch früher. Übrigens nicht nur durch psychische Faktoren wie Suizidalität oder Suchterkrankungen (Alkoholismus, Zigarettensucht). Schwere Traumatisierungen erhöhen auch das Risiko von Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie erwischen nur die Widerstandsfähigsten, die anderen sind schon verstorben.

Die soziale Anerkennung als Trauma-Überlebender kann übrigens ein zentraler Heilungsfaktor sein. Es ist wichtig, dass traumatisierte Menschen Anerkennung erhalten: durch das nahe Umfeld, also Partner, Familie, Kinder, aber auch durch die Gesellschaft. Und bei letzterem sind Sie als Dokumentarfilmer ebenso eine Instanz der Anerkennung wie ich als Wissenschaftler.

 

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